Mittwoch, 30. März 2016

Magischer Moment

Man denkt einsam im stillen Kämmerlein über solche Kunstprojekte bereits Jahre vor dem Schritt in die Öffentlichkeit nach.
Man denkt über Objekte nach, liest sich durch die Geschichten zu den Personen / Erfindern dieser Gegenstände, informiert sich über die Zeit und das Umfeld, um zu begreifen, wieso ausgerechnet diese Erfindung entstand. Man brütet über technischen Zeichnungen und versucht schließlich all dieses erlangte Wissen in einige, wenige, verständliche Sätze zur Erläuterung des Kunstprojektes um zu wandeln.
Dabei hätte man so viel zu erzählen. Schließlich ist man ja irgendwie vom Gegenstand fasziniert und der Idee des Kunstprojektes begeistert.

Es kommt der Tag, an dem man sein Gedanken-Kind als Kunstprojekt auf die Künstler-Kollegen loslässt. Hofft, dass es auch in deren Köpfen und Seelen etwas auslöst.
Dann plötzlich wird von Seiten der Künstler nachgefragt, man telefoniert, schreibt und hofft weiter, dass sich auch JEMAND beteiligt.
Irgendwann ist der Tag gekommen und das erste Kunstwerk trifft ein.
Man packt ganz vorsichtig und andächtig aus, bewundert die Phantasie des Kollegen. Weitere Kunstwerke zum Thema treffen ein, es zeichnet sich ab, das Thema hat die KünstlerInnen begeistert.
Danach entsteht die virtuelle Ausstellung und eine erste reale, greifbare, für die Außenwelt.

Lauter besondere Momente, die ich nicht vermissen möchte.

Wann aber ist dieser "Magische Moment", der all das noch übertrifft?

Für mich und viele der teilnehmenden KünstlerInnen kam er ganz sanft am Sonntag beim Künstlerfest.

Wir saßen so richtig gemütlich zusammen, redeten über die Kunst und dabei erfuhren wir, dass der Partner / Mann einer Kollegin, der sich ebenfalls unter uns befindet, ein Verwandter der Frau ist, um die sich das Kunstprojekt dreht.
Hier sitzt ein Nachfahre der Geschichte unter uns!


Freundlich und lächelnd sitzt er zwischen uns, nachdem er sich vorab sehr intensiv die Schöpfungen um und zum BH angeschaut und bewundert hat.
Eigentlich ist er ja Komponist, aber ...
Wir erfahren, dass sein Ur-Großvater, Henry Jacobs, der Bruder der Mutter unserer Erfinderin, Mary Phelps Jacob ist.


Er hat Bücher mitgebracht, in denen wir andächtig blättern ...


... während er uns an seinen Familiengeschichten teilhaben lässt.

Er erzählt, dass Mary 17 Jahre alt war, als sie DAS Symbol der Emanzipation erfand, nur weil sie diese "doofen" Korsetts nicht unter dem Abendkleid tragen wollte. Es aber noch fast 6 Jahre dauern sollte, bis sie das Patent in den Händen hielt. Dies jedoch bereits 1917 wegen schlechter Finanzlage und zur Abwendung des Bankrotts ihrer BH-Manufaktur für nur $ 1500,00 verkaufte.

- Dinge, die wir teilweise natürlich wussten, aber aus dem Mund dieses Herrn werden sie plötzlich so greifbar im Raum. -


Wir erfahren, dass sie ihren ersten Ehemann, den sie 1915 geheiratet hatte, verließ, dann 1920 ihren zweiten Mann, den Dichter Harry Crosby kennen lernte, mit ihm nach Paris ging und ihren Namen 1924 in Caresse Crosby änderte.
Fortan lebte sie als Schriftstellerin, später auch als Verlegerin ihres gemeinsamen Verlages "Black Sun Press" in Paris.
Als Verlegerin wurde sie Freundin  und Muse vieler berühmter Maler und Schriftsteller ihrer Zeit. Gleichzeitig wurde sie auch eine aktive Frauenrechtlerin.


Sie wurde von den Künstlern geliebt, aber gleichzeitig von ihrem Mann betrogen, der sich 1929 zusammen mit seiner Geliebten das Leben nahm.
Sie arbeitete weiter als Verlegerin, leitete später sogar eine Galerie in Washington DC, bis sie 1970 in Rom an einer Lungenentzündung verstarb.

Ja, diese Fakten kannten und kennen wir, die wir uns mit dem Thema BH künstlerisch auseinander gesetzt haben.
Aber jetzt und hier plauderten wir mit einem Familienmitglied, an einem inzwischen sonnigen Nachmittag, inmitten der Kunstwerke.
Kein Regisseur hätte sich das so ausdenken können!

Ja, wir erlebten ihn, den "Magischen Moment". Erlagen dem Zauber des Augenblicks und fühlten, dass 100 Jahre Vergangenheit  gar nicht so weit weg sind.


März 2016
#braparticipation;  #follow;  #happy;  #beautiful;  #like4like;  #art; 

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